Nach „reifer und erwachsener“ Leistung in Kiel: Werder und das große Rätsel um die verbleibenden Saisonziele

Der SV Werder Bremen hat mit einem überzeugenden Auswärtssieg bei Holstein Kiel wieder in die Spur gefunden. Folgt jetzt ein erfolgreicher Saisonendspurt - und welche Ziele verfolgt das Team von Ole Werner? Der Nachbericht der DeichStube.
Bremen – Egal, mit wem man sich rund um den SV Werder Bremen nach dem verdienten 3:0-Sieg bei Holstein Kiel unterhielt – fast jeder nutzte die gleichen zwei Worte, um die Leistung der Grün-Weißen zu beschreiben: reif und erwachsen. Während Werder in der Hinrunde oft für Spektakel und Aufregung sorgte und in den vergangenen Wochen häufiger für Enttäuschungen, wirkte der deutliche Sieg in Kiel fast wie ein Novum. Unaufgeregt, clever und souverän traten die Bremer auf – und sorgten so dafür, dass auch Trainer Ole Werner an seiner alten Wirkungsstätte womöglich früher als zuletzt einen niedrigeren Puls hatte. „Das war genau das Spiel, das wir uns vorgestellt haben – von Anfang bis zum Ende“, lobte der Bremer Cheftrainer folgerichtig seine Mannschaft nach der Partie.
Werder Bremen mit überzeugendem Auswärtssieg gegen Holstein Kiel: „Genau das Spiel, was wir uns vorgestellt haben“
Von Beginn an dominierte Werder Bremen das Spiel und fand besonders in der Arbeit gegen den Ball die zuletzt oft vermisste Intensität wieder. „Wir haben heute sehr stabil und diszipliniert verteidigt, das war ein klarer Unterschied zu den Spielen der letzten Wochen“, analysierte Werner. Kapitän Marco Friedl, der bei seinem Startelf-Comeback maßgeblich zur neuen defensiven Stabilität beitrug, brachte es auf den Punkt: „Wir haben von Anfang an das Tempo bestimmt, hinten sehr gut verteidigt und im Angriff konsequent gespielt.“ Vorne die beiden Traumtore von Marvin Ducksch (25.) und Felix Agu (59.), dazu der späte Treffer von Marco Grüll (90.+3), hinten kompromisslose Defensivarbeit – so lässt sich Werders Erfolgsstrategie an der Kieler Förde treffend zusammenfassen. Allerdings muss auch gesagt werden: Die „Störche“ präsentierten sich über weite Strecken des Spiels nicht unbedingt bundesligatauglich und waren an diesem Tag kaum ein echter Maßstab – den Bremern dürfte es egal gewesen sein.
Den Gastgebern war die Verunsicherung im Abstiegskampf deutlich anzumerken – eine Tabellenregion, mit der Werder Bremen bei 14 Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz und nur noch sieben verbleibenden Spielen wohl nichts mehr zu tun haben dürfte. Doch worum geht es für die Bremer in dieser Saison jetzt noch? In den Katakomben des Holstein-Stadions wurde spürbar, dass die Grün-Weißen die Spielzeit nicht einfach austrudeln lassen wollen – auch wenn man sich mit öffentlichen Ansagen zunächst noch schwertat und es vorerst bei Andeutungen beließ. „Ich habe vor dem Spiel im Kreis gesagt: Es ist jetzt gefühlt der Endspurt, es sind noch sieben Spiele. Jeder im Verein und wir Spieler haben Ziele“, erklärte Marco Friedl zunächst allgemein. Doch der Kapitän deutete an, dass sich das Team bereits zusammengesetzt hat, um über die kommenden Aufgaben und eine interne Zielsetzung zu sprechen.
Werder Bremen schlägt Holstein Kiel - und korrigiert vor dem Bundesliga-Endspurt seine Saisonziele?
„Wir als Spieler haben immer Ziele, ich habe auch das Ziel, dass ich die nächsten sieben Spiele gewinnen will. Aber was wir als Team besprochen haben, das lassen wir intern“, so Friedl. Dass er damit nicht nur die zuletzt von den Verantwortlichen oft betonte 40-Punkte-Marke meinte, ließ der Innenverteidiger dennoch durchblicken: „Wir wollen mehr Punkte holen als letztes Jahr.“ Zur Erinnerung: In der vergangenen Saison holte Werder Bremen 42 Zähler und verpasste Europa nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz gegenüber dem 1. FC Heidenheim. Das „E-Wort“ wollte am Samstagnachmittag allerdings bewusst keiner der Akteure in den Mund nehmen. Trotz lediglich sechs Punkten Rückstand auf die internationalen Plätze saßen die Enttäuschungen der letzten Wochen noch zu tief. Marvin Ducksch betonte dennoch: „Wir haben uns als Team in den vergangenen Wochen nie aufgegeben. Deshalb ist für uns in dieser Saison auch noch einiges möglich.“
Womit man wieder beim Thema wäre: Was genau ist für Werder Bremen noch möglich? Greifen die Bremer im Endspurt nochmal richtig an? „Wir haben jetzt viele Gegner, die auf unserem Niveau sind. Deswegen wollen wir so punkten, wie wir es in der Hinrunde gemacht haben“, gab Marco Friedl die Marschroute vor. In den verbleibenden sieben Spielen trifft Werder noch viermal auf einen Gegner, der aktuell unter den Bremern in der Tabelle steht. In der Hinrunde holte die Mannschaft gegen genau diese sieben Teams elf Punkte. Eine ähnliche oder sogar bessere Ausbeute in diesem Frühjahr könnte die Grün-Weißen womöglich doch nochmal in andere Tabellenregionen spülen.
Werder Bremen gewinnt deutlich bei Holstein Kiel - und hofft auf erfolgreichen Liga-Schlussspurt
„Damals hatten wir eine breite Brust und einen guten Rhythmus. Wir arbeiten daran, dass wir da wieder hinkommen“, erklärte Werder Bremens Sportchef Clemens Fritz, warnte jedoch zugleich: „Wir können uns aber nicht auf das verlassen, was in der Hinrunde war.“ Die Ergebnisse aus dem Winter ließen große Träume in Bremen aufkommen – Träume, denen man im neuen Jahr, Sieg in Kiel hin oder her, bislang nicht gerecht wurde. An den internen Zielsetzungen hat das dennoch wenig geändert, wie Ducksch dann mit einem Augenzwinkern doch noch leicht andeutete: „Unser internes Ziel ist an Tabellenplätze geknüpft. Aber darüber können wir dann am letzten Spieltag nochmal sprechen.“
Bis dahin sind es noch sieben Wochen – und zunächst steht am kommenden Wochenende mit dem Heimspiel gegen Champions-League-Anwärter Eintracht Frankfurt (Samstag, 18.30 Uhr) die vermutlich schwerste Aufgabe im Restprogramm auf dem Plan. „Wir wollen den Schwung jetzt mitnehmen in die nächste Woche. Dort kommt mit Frankfurt ein richtiges Brett auf uns zu“, sagte Ole Werner. Auch Friedl betonte, dass der starke Auftritt gegen Holstein Kiel – anders als nach dem Erfolg in Leverkusen vor ein paar Wochen – keine Eintagsfliege bleiben dürfe. „Jetzt kommt eine Phase, in der wir konstant Leistung auf den Platz bringen müssen. Das Spiel heute sollte uns dafür Auftrieb geben.“ Schließlich gab es in Kiel bereits eine reife und erwachsene Leistung – doch die soll im besten Fall nur der Anfang eines heißen Saisonendspurts gewesen sein. (bvo)